Theater am Thomaeum - wieso eigentlich?

Brigitte Nienhaus, Leiterin der Theater-AG:

"Ich habe als Schülerin sehr gern Theater gespielt. Es macht großen Spaß, in eine andere Rolle zu schlüpfen, Verhaltensweisen auszuprobieren, die im Alltag unmöglich sind, oder Gefühle auszudrücken, an die man sich im wirklichen Leben kaum heranwagt. Mir ist es damals durch das Spielen gelungen, meine Schüchternheit zu überwinden. Ich habe also am eigenen Leib erfahren, wie das Theaterspielen die Persönlichkeitsentwicklung fördern kann.
Deshalb finde ich es wichtig, Schülerinnen und Schülern ab der Mittelstufe ein Angebot zum Theaterspielen zu machen. (Sinnvoll wäre es auch für die Unterstufe - aber da gibt es immerhin schon den Zirkus und auch immer wieder Unterrichtsprojekte.). Ich lerne sie dabei ganz anders kennen und schätzen als im Unterricht. Es ist spannend mitzuerleben, wie sich die einzelnen im Lauf eines Jahres in ihrer Rolle entwickeln, und wie sie sich insgesamt verändern. Dabei ist mir dieser Prozess fast wichtiger als das Ergebnis. Etwas entstehen zu sehen, gemeinsam etwas zu gestalten - diese Freude wiegt harte Arbeit und gelegentlichen Ärger auf. Ich stecke viel Zeit, Kraft und Energie in die Theaterprojekte - und ich bekomme mindestens genauso viel zurück.
Das nötige Handwerkszeug hab ich mir durch eigenes Theaterspielen erworben, nach meinem Studium, in einer Gruppe von Leuten, die experimentelles Theater gespielt haben. Außerdem habe ich hier an der Schule einige Jahre die Tanz-AG geleitet, wovon ich auch fürs Theaterspielen profitiere, z.B. weil ich so gelernt habe, Bilder zu inszenieren. Irgendwann, vor über fünf Jahren, hab ich mich dann einfach getraut anzufangen, nachdem ich gesehen habe, was Kolleginnen und Kollegen an anderen Schulen so im Bereich Theater machen. Und in dieser Zeit habe ich durch das Tun und Ausprobieren zusammen mit den Schülerinnen und Schülern sehr viel gelernt.
Am Anfang ging ich davon aus, dass es ganz falsch ist, wenn eine Amateur-Theatergruppe mit dem Profi-Theater konkurriert. Ich glaubte - als brave Sozialpädagogin! -, man müsse es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, das auszuspielen, was in ihnen steckt an Gefühlen, Konflikten, Spannungen, aber auch an Kreativität. Keinesfalls dürfe man sie klassisches Theater spielen lassen, das an ihrer Lebenswirklichkeit vorbeigehe.
Im Laufe der letzten fünf Jahre haben mich die Schülerinnen und Schüler in der Theater-AG und in selbstständig arbeitenden Gruppen der Oberstufe Schritt für Schritt eines Besseren belehrt: Sie haben nicht die mindeste Lust, auf der Bühne Probleme von Jugendlichen darzustellen, und es ist durchaus möglich und sinnvoll, in der Schule literarisches Theater zu spielen. Die Jugendlichen wollen ernst genommen werden, sie wollen etwas ausdrücken - und der Erfolg gibt ihnen recht: Auch unsere Zuschauerzahlen steigen, seit wir "richtige" Theaterstücke spielen. Dabei ist dieses Spielen nicht nur rein imitativ, folgt nicht nur Text- oder Regievorgaben. Ich finde es nach wie vor wichtig, mit der literarischen Vorlagen zu arbeiten, Kreativität freizusetzen. Möglichst alle sollen sich am Entstehungsprozess beteiligen, d.h. beim Ausformen und Ausfüllen der Rolle bis hin zum Umschreiben und Kürzen von Texten, bei der Auswahl und Gestaltung von Bühnenbild, Plakat, Musik, Beleuchtung, Kostümen.
Allerdings gilt es gut auszuwählen, welches Stück gespielt wird, welche Themen angesprochen werden, welche Menschen dargestellt werden. Ich bleibe dabei, dass Schülerinnen und Schüler eben nicht ihrem Leben ferne weltanschauliche Positionen in Helden- und Märtyrer-Rollen darstellen sollten. Ein Beispiel für das, was möglich ist: In Jean Anouilhs Stück Antigone ist es leicht und liegt für Jugendliche nahe, sich mit der jugendlichen Heldin Antigone zu identifizieren, die gegen die Welt der Erwachsenen, der Anpassung, des "kleinen Glücks" aufbegehrt. Aber auch die Rolle des Königs Kreon, den sie attackiert, ist als Figur für Schüler reizvoll. Etwa 50 Jahre alt, etabliert, mächtig - was ist dieser Kreon anders als eine Vaterfigur? Eine Vaterfigur, die man kritisiert, verurteilt - aber in ihrem Pragmatismus auch ein wenig verstehen lernt. Auf diese Weise agieren Schüler/innen durchaus ihre eigenen Konflikte und Gefühle aus - aber eben auf literarisch verschlüsselte Weise. Sie erfahren so - über eigenes Tun, über das Umsetzen von kreativen Ideen, über spielerisches Ausprobieren, aber auch durch ausdauerndes und anstrengendes Arbeiten -, dass Literatur, dass Theater etwas mit ihnen selbst, mit dem eigenen Leben zu tun hat."

 

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