„Peer Gynt“ oder: Ein Wunder

von Brigitte Nienhaus

Montag, 8.7. 2002, 18 Uhr. Das Thomaeum-PZ ist nicht wiederzuerkennen: Requisitenkammer, Garderobe, Theaterbühne, Stuhllager. An die hundert Schülerinnen und Schüler schwirren durcheinander, fideln, dudeln, trommeln, lachen und unterhalten sich: Hauptprobe zum Musiktheater „Peer Gynt“.
„Wo ist mein Mantel?“ – „Die Hose ist zu weit:“ – Kann ich noch drei Karten für Sonntag kaufen?“ – „Wie lange dauert die Probe?“ – „Wo ist die Verlängerungsschnur?“ Dies sind nur einige der vielen Fragen, die ich am besten gleichzeitig beantworten soll. Währenddessen kämpfen die Trolle mit der Befestigung ihrer Masken, die Hochzeitsgesellschaft schwätzt fröhlich vor sich hin, die Kaufleute, die eigentlich ihre Szene proben sollten, rollen sich ab vor Lachen über eine weitere gute Idee, die ihnen gerade gekommen ist – und ich stehe mittendrin und frage mich (mal wieder): Warum tust du dir das an?
Knapp eine Woche später weiß ich es. Die erste Vorstellung von Peer Gynt läuft an – und wieder einmal ist es ein Wunder: 100 Mitwirkende im Orchester, auf und hinter der Bühne haben die vielen Einzelteile, die in den letzten Wochen und Monaten getrennt erarbeitet wurden, zu einem stimmigen Ganzen zusammen montiert, das sich hören und sehen lassen kann.
Bis da war’s ein weiter Weg, den ich hier einmal ein wenig nachzeichnen möchte.

Der Text
Ich bin oft gefragt worden, wie man denn dazu kommt, „Peer Gynt“ in der Schule aufzuführen – als Theaterstück nicht unbedingt ein Stoff, der sich für Schultheater anbietet. – Die Musik jedoch, die Edvard Grieg zu Hendrik Ibsens epischem Gedicht komponiert hat, die kommt an, auch bei Schülerinnen und Schülern, die sonst mit klassischer Musik wenig Positives verbinden. So schlug mir Musiklehrerin Cathrin Voss vor, auf das Angebot eines Verlages einzugehen, der eine für Schulorchester bearbeitete Fassung herausgebracht hatte. Statt des mitgelieferten Erzähltexts sollten jedoch Szenen aus dem Theaterstück an die entsprechenden Stellen eingeschoben werden. Interessante Idee!
Das war im Mai 2001.Von der ersten Lektüre des Stücks (zu lang, und in Versen – viel zu schwierig zu spielen für Laien!) über die erste Überarbeitung in den Sommerferien 2001 bis zur endgültigen Textfassung in Prosa verging ein gutes halbes Jahr. Eindrücke während der Bearbeitung: Fast schade, die Reime aufzulösen – diese Sprache, in der Übersetzung von Christian Morgenstern, ist genauso kraftvoll und farbig wie die Musik. Deshalb: unbedingt so viel wie möglich von der literarischen Sprache beibehalten, und in der Phantasiewelt der Trolle und übernatürlichen Wesen auch den Reim.

Die Geschichte
Dann die Überraschung: Das Stück ist umwerfend komisch! Es ist die Entwicklungsgeschichte eines Egozentrikers, verwoben mit norwegischen Sagenmotiven, geschrieben mit viel ironischer Distanz zu den Schwächen des (nationalen) Helden. Sehr schnell entstanden beim Umschreiben vor meinem geistigen Auge Bilder zu einzelnen Szenen:
Aases 1. Satz „Peer, du lügst“ – und Peer, der ihr einen Bären aufbindet und sich darüber vor Lachen ausschüttet, während sie wie eine Furie auf ihn losfährt; er trägt sie durch den Bach und sie fallen hin – da ist eine Ohrfeige fällig (sein „Au“ bei unserer Aufführung klingt nicht nur echt ...).
Dann die Hochzeitsgesellschaft: Peer prahlt mit einer weiteren Lügengeschichte herum, was er angeblich alles kann; ernst wird er erst, als er Solvejg begegnet: Liebe auf den ersten Blick bei beiden. Und trotzdem entführt er Ingrid, die reiche Braut eines anderen – obwohl er eigentlich nichts von ihr wissen will. Auch die Bergprinzessin fällt seinem Charme zum Opfer – und Peer flieht wieder der Verantwortung für seine Taten: In der Halle des Bergkönigs entkommt er knapp den Attacken der Trolle, die ihn auch äußerlich zu einem der Ihren machen wollen (mit Kuhfladen, Ochsenpisse und einem Umhängeschwanz!) Und noch auf dem Sterbebett gaukelt Peer seiner Mutter eine phantastische Welt vor, die sie über ihr jämmerliches Leben hinwegtrösten soll.
20 Jahre später dann Peer im Kreis von vier Geschäftsfreunden – jeder aus einem anderen Land (also: jeder spricht mit einem anderen Akzent!), aber alle profitorientiert und skrupellos. Noch einmal hat Peer Glück – mittellos, entkommt er immerhin der Schiffskatastrophe – aber mit der nächsten Frau wendet sich das Blatt: Geldgierig raubt sie ihn aus, statt auf ihn hereinzufallen. Und noch immer kann er der Wirklichkeit – und sich selbst – nicht ins Auge schauen, macht sich immer weiter etwas vor, bis er schließlich dem Bergkönig (herrlich komisch: völlig heruntergekommen und entmachtet, am besten als Penner) noch einmal begegnet, der ihn mit seiner Troll-Natur konfrontiert: Er war sich immer selbst genug. Dass es da noch etwas anderes gibt, darauf stößt ihn erst der Knopfgießer (witzig, aber gleichzeitig düster und bedrohlich als Verkörperung des Todes): Sei du selbst, so wie es deinem wahren, inneren Wesen entspricht. Und genauso sieht ihn Solvejg, die all die Jahre auf diesen Peer gewartet hat.
Happyend? Eigentlich fast kitschig – aber ist es nicht gleichzeitig unser aller Traum: eine bedingungslose Liebe, die immer unseren wahren Kern erkennt? Viele solcher Elemente, die einen Bezug zu unserem Leben auch heute noch haben, entdecke ich nach und nach hinter oder unter dem Phantastischen der Geschichte, seien es Traummotive oder geheimen Wünsche, z.B. „Ich bin Herr der Lage, denn ich fühle mich nicht gebunden“, oder Alltagssituationen, z.B. wenn der große Sohn seiner Mutter Märchen erzählt ..... All dies gilt es also herauszuarbeiten, neben dem Komischen und dem Phantastischen.

Die Akteure
Aber, aber: Wer um Himmels Willen soll denn bloß den Peer Gynt spielen – der kommt ja in jeder Szene vor! Zumal die Theater-AG mit ihrem Jahresprojekt „Hexenjagd“ eigentlich ganz gut ausgelastet ist, und so viele theaterspielbereite Jungs sind da gar nicht dabei.... Erste Spielproben mit dem Literaturkurs der Jahrgangsstufe 12 im Dezember 2001 ergaben eine Perspektive: Warum nicht jede Szene von einem anderen Jungen spielen lassen – so würde Peers Mangel an Identität besonders augenfällig werden. Am Ende waren es dann 9 verschiedene Peers, wie die anderen Darsteller rekrutiert aus der Theater-AG, der 7. Klasse, dem Literaturkurs und ehemaligen Mitgliedern der Theater-AG. Das Orchester löste seine Besetzungsprobleme übrigens ähnlich mit Hilfe von Eltern, Ehemaligen und auch einigen Mitgliedern der Kreismusikschule. Außerdem wurde in mehreren Stück kurzerhand das Klavinova zur ersten Geige erklärt.

Die Spielorte
Ein Orchester von über 30 Personen würde allerdings die Aula schon ziemlich füllen – wo bleiben da die Besucher? Außerdem: Viele Szenen spielen im Gebirge – wie kriege ich einen steilen Gebirgsweg auf die Bühne? Wieder hilft die Experimentierphase mit dem Literaturkurs: Peer und Ingrid streiten sich probeweise im Treppenhaus – und es funktioniert, sehr gut sogar. Als Veranstaltungsort mit bereits vorhandenen Treppen und Platz fürs Orchester bietet sich folglich das PZ an, wo außerdem durch die Sitz-Stufen viele Zuschauer unterzubringen sind. Das hat dann wieder zur Folge, dass die Treppenstufen (kurz vor dem Durchgang zum Altbau) einen Dekorationshintergrund brauchen, um einen nach hinten geschlossenen Bühnenraum zubilden. Also: bemalte Stofffahnen müssen her.

Die Bühnenbilder
Die künstlerische Gestaltung der Spielorte war denn auch ein wichtige Gestaltungselement neben Musik und Darstellendem Spiel. Hierfür konnten wir Kunstlehrerin Karin Sanio gewinnen, die in ihren Kursen der Jahrgangsstufen 11 und 12 entsprechende Aufgaben an Interessierte verteilte. Denn: außer den Stoffbahnen galt es natürlich auch noch einen Hintergrund für die große Spielfläche zu gestalten, da ja nun mal nicht alle Szenen im Gebirge spielen und für einige Szenen auch mehr Platz auf einer geraden Spielfläche benötigt wurde. Und zwar brauchten wir verschiedenen Hintergrundflächen, um die verschiedenen Orte anzudeuten. Dabei mussten wir eine Technik wählen, die einen schnellen Wechsel während der Vorstellung erlaubt – und damit waren wir bei einem Verfahren gelandet, das wir vor drei Jahren bei „So eine Liebe“ bereits benutzt hatten, der Rückprojektion (mit Hilfe eines auszuleihenden Theaterprojektors) von - diesmal gemalten statt photographierten – Bildern. Diese Entscheidung hatte Folgen: Alle (!) Fenster mussten abgedeckt werden – zwar haben wir nach einigen Abi-Gags in den letzten Jahren die entsprechenden Folien zur Verfügung, aber 6 Stunden lang Folien aufkleben, und das am Tag der Generalprobe, bei heißem Sommerwetter, das war für die Jungs von der Technik und ihre freiwilligen Helfer schon eine Strafarbeit! Und Helfer gab’s viele – so stellte Kunstlehrer Reinhard Heinen uns einen Videofilm aus einer seiner Videoinstallationen zur Verfügung, so dass wir Griegs Morgenstimmung mit vorbeiziehenden Wolken über dem Orchester illustrieren konnten.

Noch mehr Akteure
Komplett im Kunstunterricht des 2. Halbjahres entstanden Masken für die Bergtrolle in der Klasse 7 n2. Und warum sollten diejenigen, die Lust dazu hatten, nicht die ganze Szene, einschließlich Bergkönig und Peer Gynt, auch spielen? Die Märchenwesen in der Halle des Bergkönigs durften ruhig allesamt kleiner sein und helle Stimmen haben. Einige Mitspieler gewann wir auch noch aus den anderen 7. Klassen.
Was jetzt noch fehlte, war eine Tanzgruppe – Peers Abenteuer in der Wüste sollte unbedingt durch den „Arabischen Tanz“ Farbe gewinnen. Was tun, wenn’s in der Schule zur Zeit keine Tanzgruppe gibt? Hilfe von außen holen, hier in der Gestalt von Anne Croszey und ihrer Ballettschule. Sie übernahm gern Choreografie und Einstudierung mit ihrer Fortgeschrittenen-Gruppe.
Und natürlich: unsere Techniker mussten sich einarbeiten, und auch Schminken und Frisieren sind wichtige Aufgaben, die zu verteilen waren. Wer genau nachlesen will, wer was gemacht hat, kann auf unserer Homepage nachsehen: wwwtheaterthomaeum.de

Die Proben
Nach den Hexenjagd-Aufführungen Anfang Juni 2002 begannen die intensiven Theaterproben. Sie verliefen trotz des Zeitdrucks erstaunlich entspannt – die vielen Zweier- und Dreier-Szenen waren geradezu eine Erholung nach den zahlreichen stressigen Massenszenen der „Hexenjagd“. Nur bei der Hochzeitsszene war mal wieder fast die ganze Theater-AG versammelt. Trotzdem haben wir auch diese Szene, die pantomimisch zur Musik abläuft, sehr schnell erarbeitet.

Requisiten und Kostüme
Inzwischen ist unser Vorrat an Kostümen und auch Bühnenmobiliar schon recht groß, so dass Recycling möglich ist, aber einiges musste doch wieder geändert (die Röcke für die Tänzerinnen und Anitra aus den Hexenjagd-Röcken der Mädchen) bzw. neu hergestellt werden (z.B. Kaftan und Turban des Propheten, Solvejgs Rock, Kostüm und „Stecken-Sau“ bzw. Brautrösslein der Bergprinzessin). Anderes musste besorgt bzw. ausgeliehen werden (Sonnenschirm für die Kaufleute, Weingläser usw.).

Ende gut, alles gut
Bis dann alles fertig war und alle Einzelteile wirklich ineinander passten – dazu gehörte viel Anstrengung und Engagement bei allen Beteiligten, aber trotzdem – oder deshalb? – macht ein so großes Projekt

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