‚Die Fliegen’ zu inszenieren war eine relativ spontane Idee. Wir hatten vorher
eigentlich den Beschluss gefasst, die Theater-AG wegen des großen Zuwachses
zu teilen, aber trotzdem weiterhin zusammen zu arbeiten. Doch als die ‚Fliegen’
nun im Gespräch waren, wuchs die Lust, das Stück auf eigene Faust
zu inszenieren.
Das Stück reizte uns vor allem wegen der Dramatik. Da gab es alles: den
bösen, von Gewissensbissen geplagten König, der später theatralisch
ermordet wird, die Tochter der Königin, die vor Rachegedanken kaum klar
denken kann, den behütet aufgewachsenen Bruder, der vom unschuldigen jungen
Mann zum Muttermörder mutiert, einen menschenhassenden Göttervater,
der in Verkleidung versucht die Geschehnisse nach seinem Willen zu lenken, ein
ganzes Volk, das vor Reue fast stirbt, Rachegöttinnen, die sogar das Publikum
das Fürchten lehrten, und viele andere. Ein weiterer Punkt, der für
das Stück sprach, war, dass die Story im Gegensatz zu unseren vorhergegangenen
Stücken zum erstenmal auf antikem Stoff basierte, nämlich auf der
Tantalidensage aus der griechischen Mythologie. Aber besonders interessant wurde
es für uns wegen des philosophischen Hintergrunds, den Sartre hier verarbeitete.
Für Sartre ist der Mensch zur Freiheit „verurteilt“. Er ist „geworfen“
in eine sinnlose Existenz, ohne Hilfe durch Gott, aber ausgestattet mit der
Freiheit, selbst Sinn zu schaffen. Er ist so, wie er sich selbst will und selbst
entwirft. So ist Orest der alleinige Urheber seiner Taten und allein für
sie verantwortlich. Der Gott, der die Menschen in Argos über ihr Schuldgefühl
beherrscht und klein hält, hat über Orest keine Macht, ebenso wenig
die Erinnyen, die Fliegen, die als Symbol für die kollektive Reue in ganz
Argos gegenwärtig sind. Orest ist frei – und er ist einsam. - Ein weiterer
Anhaltspunkt für das Verständnis des Stücks ist der Zeitpunkt
seiner Entstehung (1943): Sartre wollte seinen Landsleuten Mut machen im Kampf
gegen die nationalsozialistischen Besatzer. Sie sollten selbstbewusst zu ihrem
Land und zu ihren Handlungen stehen und auch dann nicht bereuen, wenn sie durch
ihre Aktionen das Leben Unschuldiger riskierten.
Kurz nach den Sommerferien begannen wir mit den Proben. Die meisten Hauptrollen
wurden mit den Oberstufenschülern besetzt, die vorher zur Theater-AG gehört
hatten, für Nebenrollen zogen wir die AG hinzu, und wir hatten auch ein
paar Leute dabei, die zum ersten Mal auf der Bühne standen. Aber besonders
glücklich waren wir über die Besetzung der Rolle einer alten Frau
aus dem Volk mit unserer Theatermutter Brigitte Nienhaus. So war es nun möglich,
mit ihr zusammen zu arbeiten und trotzdem auf eigenen Beinen zu stehen, denn
die endgültige Trennung von der AG war ja auch irgendwie traurig gewesen.
Die Proben machten sehr viel Spaß, obwohl sie und die ganze Organisation
mehr Arbeit waren, als ich zunächst geschätzt hatte. Insgesamt habe
ich bei der Arbeit an den ‚Fliegen’ sehr viel gelernt –nicht zuletzt durch die
ganzen Fehler, die ich gemacht habe. Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand,
auf welche Art und Weise ich auf verschiedene Leute zugehen musste, um das zu
bekommen, was ich wollte. Aber nicht nur im speziellen Umgang mit den Schauspielern
würde ich heute einiges anders machen, sondern auch in der Art, wie ich
an ein Stück herantrete. ‚Die Fliegen’ haben wir erst gekürzt, als
wir schon mitten in der eigentlichen Arbeit steckten. Jedes Wort schien uns
so bedeutungsvoll, und erst später fiel uns auf, wie langweilig das Stück
wird, wenn alles so breitangelegt bleibt wie von Sartre vorgesehen. Trotz der
Kürzungen, die wir später noch vornahmen, dauerten die Vorstellungen
am Ende doch immer noch 3 Stunden. Wie viel Einfluss ich eigentlich auf die
Inszenierung hatte und was ich alles noch hätte ändern können,
fiel mir erst auf, nachdem der Vorhang gefallen war. Nach dem nächsten
Stück werde ich wahrscheinlich wieder ganz andere Erfahrungen gemacht haben,
doch ‚die Fliegen’ sind insofern etwas ganz besonderes für mich, als sie
mein erster Versuch in Sachen Regiearbeit waren und mir auf diesem Gebiet mehr
Selbstbewusstsein gegeben haben.
Schließlich möchte ich jetzt am Ende dieses Berichtes noch mal ‚Danke’
sagen all den lieben Menschen, die mitgeholfen haben, z.b. tolle Poster und
Programmhefte zu machen, ein zwar sparsames, aber dennoch sehr arbeitsintensives
Bühnenbild herzustellen (große Matratzenfedern schneiden ist nicht
so einfach, wie man denkt), während der Vorstellung Leute ab- und umzuschminken,
das Licht und die Musik im richtigen Moment an oder aus zu machen oder sogar
selbst Musik zu machen. Das größte ‚Dankeschön’ hat sich wohl
wieder mal Brigitte verdient, die durch die ganzen vielen ‚Kleinigkeiten’ am
Rande vieles möglich gemacht hat (z.B. Rachegöttinnen einkleiden oder
Jupiter bärtigen). Aber dafür gesorgt, dass es eine schöne Zeit
war, die in den beiden Aufführungen einen erfolgreichen Abschluss fand,
haben natürlich auch ganz besonders meine Schauspieler. Lieben Dank an
alle!
ANNE MAYNTZ